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Potzblitz – Advaita Vedanta

Potzblitz - Advaita Vedanta

In dieser Rubrik sind Ausschnitte aus Newsletters (Juni 2011 bis Juli 2013) zu finden. Der überarbeitete und stark erweiterte Text mit insgesamt 44 Kapiteln ist seit März 2013 als E-Book und seit April 2013 auch als Buch erhältlich. Guckst du hier.

 

"Eine verwirklichte Person ist jemand, der weiß, dass das Selbst die einzige Wahrheit,
und alles andere nur ein Spiel der Gedanken ist."

[Sri Siddharameshwar Maharaj – aus "Amrut Laya"]


Hätt ich nur nicht mit dem Denken angefangen! (05. Juni 2011)

Die Suche nach mir selbst ist nun viele Jahre vorbei. Lange wurde ich von sogenannten "Wissenden" in die Irre geführt, bevor ich den Lehren Sri Nisargadatta Maharaj begegnete und bald meine wahre Natur erkannte.

Diese Suche und das Finden war so paradox, dass ich mich danach oft fragte: "Warum habe ich überhaupt gesucht? Das, was ich gefunden habe, ist das, was doch schon immer (da) war." Doch es schien zeitweise eben nicht da gewesen zu sein, bzw. war vernebelt. Vielleicht sollte ich besser sagen: Es war schlichtweg vergessen. Doch, und das ist die natürliche Folgefrage, wie konnte es überhaupt geschehen, dass ich mich – als das, was ich bin – vergesse? Heute, Jahre danach also, ist es einfach, dieses Vergessen zu verstehen. Doch es zu erklären und das "Finden" beschreiben zu wollen, ist fast unmöglich. Das, um was es geht, ist so weit jenseits unseres gewohnten Denkens, dass es in Worten nicht beschrieben werden kann. Man kann es lediglich umschreiben.

"Hierfür gibt es kein Gleichnis, das es erklären könnte. Mit Gleichnis ist hier etwas gemeint, dass das Wissen um die Natur
der ‚Realität' mit etwas anderem vergleicht und es damit aufzeigt. Es gibt nichts und nichts Ähnliches,
das gezeigt werden könnte. Ebenso wenig gibt es Worte, die diesen Zustand voll oder angemessen
erklären könnten. Es gibt keine Form, kein Objekt und keine Worte, die man mit diesem Zustand
vergleichen könnte. …
Für ‚Es' gibt es keine andere Sache. Die gesamte Welt ist nur Parabrahman [die höchste Realität],
oder Paramatman [das höchste Selbst]."

[Sri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]

Über die Jahre kamen viele Sucher auf mich zu und erhofften sich eine Antwort auf die Frage: "Wer bin ich? Was ist meine wahre Natur?" Ich hätte Ihnen sagen können, dass sie sich einfach nicht mehr daran erinnern, was sie wirklich sind. Doch bei diesem Thema ist es dann doch noch ein wenig "verzwickter". Man hat sich genau genommen gar nicht vergessen, man hat noch nie "bewusst" auf sein wahres Sein geschaut. Zu natürlich und zu subtil ist das, was ich bin, als dass ich je darüber nachdenken hätte können. Und so ist das, was ich suche, mir sehr sehr nah – eben: zu nah!

Was also ist es, das dieses Vergessen – oder von Anfang an nicht beachten, nicht erkennen – bewirkt? Die Antwort ist einfach, das Verstehen können der Antwort jedoch nicht: das Denken!

In der gesamten Philosophie und in ähnlichen Fachbereichen fand ich nicht eine brauchbare Erklärung darüber, was Denken überhaupt ist. Es werden immer nur Beschreibungen von Arten des Denkens (kreatives Denken, analytisches Denken usw.) gegeben. Ist Denken vielleicht zu "natürlich", dass es gar nicht beschrieben werden muss? Manchmal könnte man das fast glauben.

Den vielleicht treffendsten Ansatz fand ich bei einem Pädagogen namens Karl Josef Klauer, wenn auch nur in einem einzigen halben Satz: "… Denken ist eine nicht beobachtbare geistige Tätigkeit, die zielgerichtet ist, also eine geistige Handlung …" Doch später mehr davon.

Die Sonneninsel (26. Juni/16. Juli 2011)

Kurz nachdem die Suche "nach mir" zu Ende war, hatte ich mich oft gefragt, ob ich denn auch auf die Suche gekommen wäre, wenn mein Leben anders verlaufen wäre. Was wäre, so fragte ich mich, wenn ich beispielsweise alleine auf einer einsamen Insel aufgewachsen wäre und dort mein Leben leben würde? Wäre ich überhaupt auf die Idee gekommen, nach meiner wahren Natur, etwas Höherem oder oder oder … zu suchen? Wäre Denken, so wie wir es kennen, überhaupt geschehen?

Es ist gar nicht so einfach, diese Frage zu beantworten oder sich das Ganze bis zu Ende vorzustellen. Zu schnell kommen einem die gewohnten, anerzogenen oder angenommenen Gedanken und Vorstellungen in den Sinn und zu schnell fällt man wieder auf seine erlernten (Gedanken-)Konzepte herein. Doch lass uns diese Idee – wie von außen betrachtet – in einem einfach dargestellten Beispiel einmal durchspielen.

Stell dir vor, du wärest gerade als ein Baby auf eine unbewohnte – immer warme – Südseeinsel angeschwemmt worden und hättest diese "Reise" überlebt. Und stell dir weiter vor – nur um es einfach zu machen –, die ganze Insel wäre mit leicht zugänglichen Früchten und anderer Nahrung reichlich bestückt.

Du bist noch viel zu klein, um dir "Gedanken" machen zu können, oder die "Idee" haben zu können, dass du ein Körper oder gar eine Person wärest. Alles, was da ist, ist ein Gesamtbild: Strand, Sand, Wasser, Früchte, Palmen, Sonne usw. Das alles wird mit Hilfe der Augen wahrgenommen. Du hast keine Ahnung, was das alles ist – du siehst all das zum ersten Mal. Und mit Hilfe der Ohren hörst du Geräusche: das Brausen des Meeres, das Zwitschern der Vögel usw. Auch hier weißt du nicht, was das alles ist. Du registrierst im Grunde all das nur. Über die Nase empfängst du Gerüche, die dir unbekannt sind und über die Sinneswahrnehmung der Haut spürst du die Wärme der Sonne und den Wind.

All das ist ein Gesamtbild, das dir – wer immer du bist – erscheint. Der Körper ist nicht "dein" Körper, er ist quasi "nur" ein Körper, denn du hast bis dahin keine Idee von dein und mein. Auch wenn du den Körper brauchst, um die Welt wahrnehmen zu können, ist er lediglich das Instrument, das Wahrnehmung möglich macht. Das ist, wie wenn du in einem dunklen Raum mit Hilfe einer Kamera mit Blitz ein Foto machst. Ohne diese Kamera ist das nicht möglich, aber du würdest nicht auf die Idee kommen, dass du deshalb die Kamera bist.

Was könnte nun passieren? Vermutlich erst einmal nicht viel. Du würdest (bzw. der Körper in dem Bild würde) vielleicht ein wenig ziellos umher krabbeln. Doch dann steigt ganz von alleine ein Hungergefühl im Körper auf. Auch das wird nur registriert. Es signalisiert, dass es Zeit wird, den Körper zu ernähren. Du erfährst das. Doch wer reagiert hier? Ist es nicht der Körper, der ganz seiner Natur entsprechend versucht, etwas Verdauliches in den Mund zu bekommen? Es ist der Körper, der nun versucht, beispielsweise an eine Blüte zu kommen, um den Nektar herauszusaugen.

Wer nun, so frage ich, hat die Nahrungsaufnahme bewerkstelligt? Ist es nicht einfach der Körper mit seinen natürlichen – sagen wir mal: angeborenen – Fähigkeiten, der das geschafft hat? Sicherlich. Einer Karotte muss man auch nicht erst beibringen, dass sie das Wasser im Boden aufnehmen soll. Ihr muss man auch nicht beibringen, dass sie wachsen und gut schmecken soll.

Und wer nun, so frage ich weiter, ist daran beteiligt? Die Antwort ist klar: niemand. Es ist natürlich, das ist die Natur – wie wir gerne dazu sagen –, es ist wie es immer war und immer sein wird.

Stell dir also vor, das geht so weiter. Das Futterproblem ist also gelöst (wobei hierbei nie ein Problem in Sicht war), das Hirn mit seinen neuralen Fähigkeiten hat sich die Handlung gemerkt (Erinnerung also) und wird beim nächsten Hungergefühl das wiederholen und später auch ähnliches Zeug anknabbern. Geht es dem Körper schlecht, weil er das Falsche gegessen hat, so wird das Hirn auch dieses registrieren und aus der Erinnerung heraus einen Bogen um jene Pflanze machen. Im Grunde ist also bei dieser ganzen Angelegenheit niemand daran beteiligt. Ein Körper mit Hirn, seiner Natur folgend, das ist alles. Und du natürlich, der du den Begriff oder Gedanken "Ich" gar nicht kennst, gar nicht fragst, wer oder was du bist, und immer das Gesamtbild wahrnimmst.

Eines Tages kommen nun beispielsweise dunkle Wolken auf die Insel zu. Was weißt du darüber? Nichts. Du hast noch nie Wolken gesehen; in dem Bild hat es vielleicht noch nie Wolken gegeben. Dann fängt ein heftiger Regen an und der Körper wird durchnässt. Je nachdem, wie die Zellen des Körpers reagieren (gefühlte, angenehme Abkühlung oder unangenehmes Körperzittern, weil es zu kalt ist), wird das Hirn das registrieren und ganz von selbst beim nächsten Mal versuchen, den Regen auf der Haut zu genießen oder Schutz vor der Kälte zu suchen. Wer ist daran beteiligt? Niemand – nur eine bessere Biokarotte namens "menschlicher Körper" reagiert ganz natürlich. Und all das wird als Gesamtbild gesehen (oder besser: wahrgenommen). Von wem? Lass uns momentan einfach sagen, dass du es bist – du, der du wirklich bist –, mit Hilfe des Körpers und seinen Sinnesorganen.

Der Nachbar hat einen Rasenmäher (07. August 2011)

So weit, so gut. Du scheinst also diese unpersönliche "Hierheit", dieses "Hier sein" zu sein. Doch nun verlässt du das Bild der Sonneninsel wieder – es war ja nur eine schöne Vorstellung – und kommst zurück ins tägliche Leben. Das ist zwar auch nur ein Gesamtbild, das du – diese "Hierheit" – wahrnimmst, aber du wirst es sicherlich etwas anders empfinden.

Kaum beginnt die nicht so tiefe Schlafphase, wirst du auch schon vom Rasenmäher des Nachbarn aus dem Schlaf gerissen (verschärfte Variante: der Nachbar hat eine Kreissäge). Was hilft dir jetzt noch die Erkenntnis oder der Glaube, dass du nur die "Hierheit" des gesamten Bildes bist? Klare Antwort: nichts!

Du hältst dich normalerweise – schon aus Gewohnheit und Überzeugung – für eine Person: ein selbst denkendes, selbst handelndes und irgendwie ums Überleben kämpfendes Einzelwesen in einer großen, manchmal auch gefährlichen oder feindlichen Welt. Eine Person, die sich zwangsläufig überlegen muss, wie sie den Rasenmäher des Nachbarn für immer zum Schweigen bringen könnte. Und viele ähnliche Geschichten. Also ist da eine Suche nach einem Ausweg im Gange. Was suchst du anderes als einen Ausweg aus dem Dilemma der täglichen Mühsal?

Doch kehren wir hier noch einmal zurück zu unserer Sonneninsel. Stell dir vor, eines Tages – du magst jetzt schon ein Halbstarker sein, wohlgenährt mit natürlichen Früchtemüslis – tauchen vom anderen Ende der Insel Eingeborene mit Speeren und anderen gefährlichen Gegenständen auf. Gut, du hast so etwas in deinem Leben noch nie gesehen – solche Szenen, Gegenstände und auch Handlungen gab es bis dato nicht in dem Bild –, aber nachdem einer der Fremden einen Hasen mit seinem Speer vor deinen Augen getötet und gehäutet hat, wird dir – oder sagen wir momentan, dem sich erinnernden Hirn in dem Bild – klar, dass dieser Körper auch eine Haut hat, die man durchaus abziehen könnte.

Was nun? Der Körper, das Hirn, wird sich vielleicht an andere unangenehme Dinge erinnern – zum Beispiel an eine Verletzung – und ganz natürlich zusammenzucken. Was immer er dann tun wird (Angst erzeugen, starr werden, davonlaufen, oder oder oder …) liegt ganz im Ermessen des Hirns, natürlich abhängig von den bis dahin gemachten Erfahrungen – Erinnerungen also.

Doch was hast du damit zu tun? Du bist und bleibst diese "Hierheit", dieses "Hier sein", die/das IMMER das Gesamtbild sieht. Und wenn der Speer schneller auf den Körper zufliegt, als dieser laufen kann, dann gehen eben die Lichter für immer aus. Das Bild ist weg, und dir ist nichts passiert – wie nachts beim Fernsehen, wenn's Testbild kommt (Na gut, das mit dem Testbild war damals).

Hier ist das genauso. Alles ist nur ein Bild. Und eines Tages wird es für immer weg sein. Was also gibt es zu suchen? Und warum suchst du dennoch? Die Antwort ist einfach, wenn auch schwer zu durchschauen: Du hängst an dem Bild, weil du nichts anderes kennst. Du liebst es geradezu. Und so glaubst du zwangsläufig, dass, wenn hier die Lichter endgültig ausgehen, wenn der Speer des Todes den Körper trifft, du nicht mehr sein wirst. Doch ganz tief drin erahnst du vielleicht – und das lässt sich nicht wirklich zerdenken –, dass das nicht die "höchste" oder endgültige Wahrheit sein kann, dass es da noch etwas anders gibt. Du hast Recht! Doch der Weg dahin ist nicht einfach. Zumindest, solange der Nachbar noch einen Rasenmäher besitzt.

Wo soll's denn hingehen? (27. August 2011)

Bleiben wir noch ein wenig bei der vorläufigen Darstellung dieser "Hierheit" als dein wahres "Ich". Was kann diese Hierheit tun, damit das erschienene Bild schöner, angenehmer, harmonischer oder oder oder … wird? Kann sie etwas tun, damit Nachbars Rasenmäher aus dem Bild endlich verschwindet? Muss diese "Hierheit" – du also – überhaupt etwas verändern oder basiert der Wunsch nach Veränderung nur auf falschen Vorstellungen?

Die Antwort auf die Frage ist nicht so einfach darzulegen. Es ist sowohl so, dass nichts eine Veränderung braucht – alles ist auf einer Ebene in Ordnung, wie es ist –, andererseits kann ich jeden fragen, ob er denn gerne eine Veränderung haben möchte, und die Antwort wäre nahezu immer: ja!

Ich erinnere mich gut an folgende Aussage, als ich Sri Nisargadatta Maharaj's "Ich bin" erstmals las:

"Mein Guru sagte mir: 'Vertrauen Sie mir. Ich sage Ihnen,
Sie sind göttlich. Nehmen Sie es an als die absolute Wahrheit.
Ihre Freude, auch Ihr Leiden ist göttlich. Alles kommt von Gott.
Erinnern Sie sich immer daran. Sie sind Gott. Nur Ihr Wille wird
geschehen.' Ich glaubte ihm, und sehr bald realisierte ich,
wie absolut wahr und korrekt seine Worte waren."

[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]

Für mich war klar, dass Sri Siddharameshwar Maharaj (Nisargadatta's Guru) diese Worte auch mir hätte sagen können. Und heute kann ich zweifelsfrei sagen, dass diese Aussage sehr wahr ist. Natürlich darf man sie nicht wörtlich nehmen und mit unseren "normal-verdrehten" Glaubensvorstellungen aus der Kindergartenzeit gleichsetzen. Dennoch: Sie beinhalten mehr Wahrheit als man sich erst einmal vorstellen kann. Doch später mehr dazu.

Welchen Zug nehm ich denn? (17. September/09. Oktober 2011)

Nun, nachdem klar ausgesprochen ist, wo's hingehen soll, stellt sich sicherlich die Frage, wie man das Ziel erreichen kann?

Ich habe nun über viele Jahre Besucher hier gehabt und beraten, und die Erfahrung hat gezeigt, dass ein wirkliches Vorwärtskommen nicht möglich ist, wenn das beschriebene Ziel nicht verstanden wurde (soweit es verstehbar ist) und man es sich nicht wirklich wünscht. Viele, die da kamen, wollten nur, dass der Nachbar einen leiseren Rasenmäher bekommt, dass der Ehepartner freundlicher wird, oder dass sich endlich der Traum nach der großen Liebe erfüllt. Das Persönchen wollte also eine kleine Wohlfühlspritze bekommen. Doch das hat mit der Selbst-Verwirklichung nichts zu tun. Selbstverständlich kann es dabei passieren, dass sich nach solchen Gesprächen, nach Vorträgen oder Studien etwas ändert – wenn Erkenntnisse auf dem Weg geschehen, tun die sicherlich nicht schlecht –, doch darum geht es nicht, wie wir gesehen haben.

Warum, so muss ich fragen, kann ich nicht einfach diese "Hierheit" (das Selbst) sein – völlig zufrieden in mir selbst ruhend –, sondern scheine weiterhin als Person vom Leben hin und her gerissen zu werden? Noch dazu, da ich doch diese "höchste Realität" sein soll?

Nun, die Ideen, eine Person zu sein, die Welt als echt anstatt als vorübergehend und damit irgendwie als unwirklich anzusehen usw. ist so tief in uns verankert, dass es äußerst schwer ist, diese falschen Ideen loslassen zu können. Nicht nur das, denn ALLES – wirklich ALLES –, was ich weiß, basiert auf diesen falschen Ideen. Und das führt uns zu der vielleicht überraschenden Erkenntnis, dass ich ALLES loslassen müsste, was ich kenne. Aber wie sollte das gehen? Der Verstand – dieses kleine Schweinchen – lässt ja so gut wie nie etwas freiwillig los, wenn er nicht dafür eine andere, für ihn akzeptablere Erklärung bekommt. Doch das Selbst kann man nicht erklären!

Ein gangbarer Weg scheint mir der zu sein, den der Veda in Form der ursprünglichen Lehre der Advaita Vedanta – der Lehre der Nicht-Dualität – bereit hält (doch nicht das, was heutzutage vielerorts für Advaita Vedanta gehalten wird). Er wurde seit vielen Jahrhunderten gelehrt und ist gut nachvollziehbar. Vorausgesetzt natürlich, man will sein wahres Selbst wirklich erkennen und verwirklichen, und ist nicht nur darauf erpicht, die ersehnte persönliche Wohlfühlspritze zu erhaschen.

Es ist leicht, zu sagen, "Natürlich will ich wissen, wer ich wirklich bin!", doch hier ist viel gefordert. Eine Anekdote erzählt davon, dass ein Mann zu Buddha kam und wissen wollte, wie er Gott (das Selbst) finden könne. Da packte ihn Buddha und hielt seinen Kopf unter Wasser, bis er fast erstickte. Nachdem ihn Buddha wieder aus dem Wasser zog und der wie verrückt nach Luft rang, sagte Buddha: "Wenn du so nach Gott suchst, wie du jetzt um Luft ringst, wirst du ihn bestimmt finden!"

Ich leg mich mal flach (30. Oktober 2011)

Nun möchte ich etwas behandeln, das genau genommen die Grundvoraussetzung für jegliches "Finden" oder jegliche Erkenntnis ist: Hingabe an den Guru ("devotion to the guru").

Auch wenn es dir im Moment vielleicht noch nicht klar ist, macht der Verstand im Prinzip nichts anderes, als deine Vorstellungen oder Wünsche zu verwirklichen, d. h. er erschafft, gestaltet und verändert die Welt, die dir erscheint, nach deinen Vorstellungen. Das ist auch kein Problem, ein Traum- oder Trugbild kann man auch leicht ändern (wenn man weiß, wie).

Dass die Ergebnisse nicht so sind, wie du glaubst, dass sie sein müssten, liegt weniger daran, dass meine Erklärungen hier nun ganz falsch sind (denk mal an "Bittet und euch wird gegeben!" und andere coole Sprüche), sondern eher daran, dass du nicht erkannt hast, wer oder was du wirklich bist und so andauernd – schneller als du "schauen" kannst – deine Vorstellungen wieder vernichtest, bzw. unfreiwillig modifizierst. Manchmal, wenn du einen Wunsch, wie früher als Kind, in voller kindlicher Überzeugung beispielsweise an den "Weihnachtsmann" übergibst, erfüllt er sich auch. Du hast ihn dann quasi vergessen und in Ruhe gelassen ("Erledigt ja ER für mich"). Gut, das funktionierte noch am Besten, als du noch ein süßer kleiner Fratz warst, den Mama und Papa so liebten, doch mit Eintritt des Flegelalters und deinem inzwischen herangewachsenen Zerdenkvermögen dürfte das sicherlich nachgelassen haben.

Wie auch immer, wenn du also Vorstellungen hegst, dass es dir besser gehen soll, du die große Liebe endlich findest oder mehr Geld bekommst, so wird der Verstand es erschaffen. Aber er reagiert rein mechanisch auf all das. Als vermeintliche Person erdenkst du dir natürlich – ob du willst oder nicht – die Hinderungsgründe für eine relativ sichere Nichterfüllung gleich hinzu ("Ich muss es mir doch verdienen, also erst mal arbeiten", "Wo soll denn die große Liebe zu finden sein? Die gibt's ja gar nicht!" oder "Nachbarn haben nun mal Rasenmäher!" – das Ergebnis, das du erhältst ist klar, oder?).

Was wirst du dir wünschen, was wirst du dir vorstellen? Am Anfang der Suche sicherlich, dass es dir – der vermeintlichen Person – besser geht, dass du erfolgreich wirst, und und und … Und dazu natürlich all die entsprechenden Hinderungsgründe. Doch mit der Zeit wirst du vielleicht weiser und es wird dir klar, dass die vielen Versprechungen diverser Autoren usw. nicht wirklich dahin führen, wohin du wolltest. Zwangsläufig wird deine Vorstellung über das Leben und seiner Erfüllung ein wenig besser oder sagen wir mal: (hoffentlich) weiser.

Kenn ich es oder kann ich es? (18. November 2011)

Nur erlerntes Wissen um/über die Selbst-Erkenntnis, aber auch die Selbst-Erkenntnis selbst machen noch lange keinen Selbst-Verwirklichten. Selbst-Erkenntnis, das Erkennen "wer ich wirklich bin" also, ist nur der Anfang. Wobei es in der Praxis umgekehrt ist: Wenn ich voll und ganz erkannt habe, was ich alles nicht bin, bleibt DAS übrig.

"Man sollte zuerst wissen ‚Wer bin ich?'.
Das ist einfach."

[Sri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]

Obwohl Erkennen geschehen ist, die Suche nach einem selbst definitiv und endgültig zu Ende ist, ist der Verstand weiterhin so überaus mächtig, dass an diesem Punkt überhaupt erst einmal der Prozess der Selbst-Verwirklichung, der sich über viele Jahre erstreckt, beginnt. Bei ihm gibt es in Wahrheit (fast) kein Ende, denn: Je mehr man von sich (S)selbst entdeckt, desto mehr bleibt noch zu entdecken. Dieser Prozess erfordert keine – oft phasenweise quälende – Suche mehr, dennoch ist eine ständige Wachsamkeit und eine ununterbrochene (nennen wir es mal so) intensive "Hingabe" an das höchste Selbst – zwingend.

Wie viele bin ich denn? (11. Dezember 2011)

Wenn wir also die bislang besprochenen Fakten zusammenfügen, so wird klar, dass es erst einmal darum geht, vom momentanen Standpunkt aus – nämlich: ich bin eine Person, ein Körper usw. – eine Untersuchung zu starten, ob denn die für mich für so selbstverständlich gehaltenen Fakten überhaupt stimmen? Hier bietet die Advaita Vedanta eine schrittweise Hinführung an, die relativ gut nachvollziehbar ist.

Die grundlegende Frage lautet ja: "Wer bin ich?" Und für den Moment muss ich mir als Sucher eingestehen, dass ich nicht anders kann, als zu glauben, dass ich eine Person und damit auch der Körper bin. Zu glauben, man wäre eine Seele, macht es übrigens auch nicht besser. Ich habe schon einige derer, die zu mir kamen, gefragt, ob sie – wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst sind – tatsächlich sagen können, sie wären nicht der Körper, nicht die Person? Es war niemand dabei, der letztlich nicht zugegeben hätte, dass trotz allen Studiums zuvor, die Idee, oder das Gefühl, der Körper und/oder die Person zu sein, tatsächlich noch in einem vorherrschte. Man möchte es gern glauben, aber es ist sehr schwer, es tatsächlich nicht mehr für bare Münze zu nehmen. Die täglichen Erlebnisse scheinen ja geradezu stündlich zu beweisen, der Körper zu sein.

Wo bin ich nur? (31. Dezember 2011)

Um das wahre "Ich" also finden oder erkennen zu können, müssen die genannten vier "Körper" untersucht werden und es muss herausgefunden werden, wo denn darin – in jedem davon – das "Ich" sich versteckt hält oder versteckt halten könnte, bzw. ob es darin überhaupt zu finden ist.

Die Antwort vorweg: Man wird in keinem der vier "Körper" ein "Ich" finden. Das wahre "Ich" (Paramatman oder Parabrahman, die höchste Realität) existiert jenseits aller Beschreibungen und "Körper".

Untersuchen wir also als erstes den physischen Körper, um herauszufinden, ob denn da ein "Ich" darin enthalten ist, oder ob "Ich" dieser Körper sein kann?

Hier ist es noch sehr einfach, sofort klar zu machen, dass dort kein "Ich" zu finden ist. Denn alleine im Sprachgebrauch finden wir schon (fast) die Antwort. Wenn man dir einen Zahn zieht, würdest du dann sagen: "Man hat mich gezogen? Man hat mich entfernt?" Bestimmt nicht!

Genauso könnte man dir einen Körperteil und ein Organ nach dem anderen entfernen. Nie würdest du auf die Idee kommen, zu sagen, dass man dich entfernt hätte. Selbst wenn man dir das Hirn entfernen würde (gut, dann funktioniert da jetzt was vielleicht nicht mehr so ganz richtig), kämest du nicht auf die Idee, dass du das wärest. Und das weißt du auch ganz genau. Denk das nur ein einziges Mal zu Ende.

Wie nun, könntest du fragen, kann man dann diese enge Bindung an den Körper verstehen? Wieso "fühle" (glaube) ich, dass ich dieser Körper bin und was muss ich tun, damit ich es anders sehen kann?

Auch das ist einfach. Alle Wahrnehmungen des Körpers (Sehen, Hören, Fühlen usw.) sind dir zugänglich. Du erfährst das alles. Dennoch sind diese Wahrnehmungen, bzw. ihre ausführenden Mechaniken im Körper selbst: Augen, Ohren, Nerven, Neuronentätigkeit usw.). Auch die Körperempfindungen – wir nennen sie meist Emotionen, Gefühle – sind Bewegungen im Körper, bzw. Bewegungen des Körpers. Du nimmst auch diese nur wahr.

Wer wird mich finden? (21. Januar/11. Februar/02. März 2012)

Kommen wir nun zum zweiten "Körper", oder der zweiten "Hülle": dem Subtilkörper. Der Veda sieht diesen "Körper" als eine Vereinigung von:

  1. den fünf Sinnen der Handlung (Hände, Füße, Mund, Genitalien und Anus)
  2. den fünf Sinnen des Wissens (Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut)
  3. den fünf Pranas oder Lebensströmen (vyana vayu, der flüssige Nahrung im Körper zur Verfügung stellt; samana vayu, der im Nabel gefunden wird; udana vayu, der im Hals gefunden wird; apana vayu, der im Darm gefunden wird; prana vayu, das, was wir ein- und ausatmen)
  4. dem Verstand (manas)
  5. dem Intellekt (buddhi)

Für unsere Zwecke reicht es vorläufig aus, das, was wir Geist oder Verstand nennen, zu betrachten. Im Grund können wir es fast noch einfacher auf "den Strom der Gedanken" begrenzen.

Hierzu noch einmal eine Erinnerung: Nur wenn der Körper erscheint, erscheint auch die Welt und umgekehrt. Beide hängen und gehören – und das ist unsere direkteste Erfahrung – eng zusammen. Du erfährst immer Körper und Welt als ein einziges Bild. Einmal zu Ende gedacht, wird klar, dass, wenn ich nicht der Körper bin, auch nicht die Welt sein kann.

Es scheint unumgänglich, herauszufinden, ob denn das "Ich" sich hier in diesem Körper oder dieser Ebene befindet. Vor allem, wenn wir dem Veda folgen, der klar sagt, dass dieser Subtilkörper der Sitz von Leben und Tod ist. Und er, seiner Natur entsprechend, die Quelle aller Begierden ist. Das wird jedem, der einmal den Turya-Zustand (vierter "Körper"), bzw. Brahman (die Realität) durchschaut und verwirklicht hat, völlig klar. Es sind die Gedanken (und somit auch Wünsche und Sorgen), die hier entstehen, und damit die Geburt eines Universums verursachen, damit sich die im Subtilkörper befindlichen Begierden verwirklichen können.

Was also kenne ich, nachdem ich zweifelsfrei festgestellt habe, dass ich nicht der physische Körper bin und mich auch nicht in diesem (und der Welt) befinde? Bin ich nun diese Gedanken oder dieser ständige Strom an Gedanken, der mich den ganzen Tag belästigt? Bin ich hier mit meinen Sinnen der "Denkende" und der "Handelnde"?

Wir sagen "meine Gefühle", "mein Verstand", "meine Wahrnehmung" usw. Auch hier käme niemand auf die Idee, zu sagen: "Ich bin der Verstand", "Ich bin das Gefühl" oder "Ich bin die Wahrnehmung". Wir sagen eventuell sogar: "Man wird mir das Leben nehmen" und nicht "Ich werde genommen!"

Alleine diese – durchaus gängige – Wortwahl zeigt uns schon die Antwort: Nein, sie (die Gedanken) mögen quälen, doch wen quälen sie? Den Körper (und die Welt), doch nicht mich. Auch sie, die Gedanken, sind in dem Bild, das mir erscheint, mit enthalten.

Betrachten wir nun mal den Zusammenhang zwischen Gedanken und dem Körper. Wenn gedacht wird, dass der Körper jetzt nach links gehen soll, so tut der das anstandslos. Du wirst es noch nie erlebt haben, dass gedacht wurde, er soll nach links gehen und dann wäre dieser Fleischklops von selber nach rechts marschiert. Außer vielleicht, er war gerade sternhagelvoll. Aber dieses Ausnahme-Maleur lässt sich ja leicht erklären. Du brauchst nur ein wenig zu beobachten, um festzustellen, dass alle Handlungen des Körpers von den Gedanken ausgehen. Und wenn du tiefer beobachtest, wie in den obigen Übungen gezeigt und auch in den Beispielen von der Sonneninsel aufgezeigt, so muss (oder müsste) dir sehr bald klar werden, dass alles von selbst geschieht. In dem Bild, dass dir jeden Tag erscheint, reagiert alles auf alles – und zwar völlig automatisch. Und dazu gehört auch die gesamte Gedankentätigkeit, die offensichtlich oder wahrscheinlich im Hirn stattfindet (zumindest bei den meisten findet da noch was statt, glaub' ich). Da ist – zumindest für den Moment – einfach niemand, kein Wesen also, der/das einen Einfluss von Außen nehmen würde. Der physische Körper steht – mit Ausnahme der natürlichen Tätigkeiten, wie Atmen, Verdauen usw. – voll unter der Fuchtel der Gedanken. Und die kreieren sich wie ein Automat aufgrund der äußeren Reize, in Verbindung mit den gemachten Erfahrungen (Erinnerungen). Sie steuern sich selbst.

Wie war das noch mal …? (24. März 2012)

"… und kurz drauf ist alles wieder wie vorher." Solche Sätze höre ich oft von Suchenden. Es scheint, als ob trotz allen Studiums und aller Auseinandersetzung mit dem Thema ein tiefer(er) und/oder anhaltender Frieden nicht in Sicht ist oder keine wirklich greifende, permanente Erkenntnis möglich zu sein scheint. Was könnte das Problem sein?

Um die Problematik und ihren Lösungsweg verstehen zu können, muss man erst einmal die Arbeitsweise des Verstandes verstehen. Der Verstand – und lassen wir hier die allgemein geglaubte Vorstellung, was der Verstand ist, so stehen – ist mehr oder weniger ein "biomechanisches Gewohnheitstier". Wenn die Welt erscheint – wir nennen das normalerweise Geburt –, ist er relativ leer. Es gibt noch keine begriffliche Vorstellung von irgendetwas und auch kein "Gedanken denken". Mit der Zeit beginnt der Verstand mit dem Intellekt – der dem Menschen innewohnenden Fähigkeit der Unterscheidung – die Dinge zu separieren und Ihnen Bedeutung hinzuzufügen. Bald, mit Beginn der Verständigung und der Sprache, entstehen neben den Bedeutungen des Erlebten und Gehörten auch Beurteilungen, Meinungen, die sich nach und nach in Vorlieben, Abneigungen und Charaktereigenschaften ausdrücken. Der Körper wird dementsprechend reagieren. Genau genommen reagiert aber nicht nur der Körper darauf, sondern das gesamte, erschienene Weltbild.

Die mehr oder weniger erste Schlüsselbedeutung, die der Verstand annimmt, ist die Vorstellung, dass er der Körper wäre und als kleines Würstchen (eine Person) in einer großen Welt existiert. Ebenso, dass alle anderen die "anderen Würstchen in einer großen Welt" sind. Wenn das im Verstand verankert ist, folgt zwangsläufig die Vorstellung, dass man als dieser Körper auch selber denkt (und zwar nur noch für diesen Körper – "Ich"!) usw.

"Wenn Sie glauben, eine Person zu sein, sehen Sie überall Personen.
In Wirklichkeit gibt es keine Personen, nur Spuren von
Erinnerungen und Gewohnheiten."

[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]

Gänse sehen das, was sie bei der Geburt als erstes erblicken, für den Rest ihres Lebens als ihre Mutter an und folgen ihr bedingungslos. Mit dem menschlichen Verstand ist das ähnlich. Die genannten Grundannahmen, die dem Verstand von der Umwelt – zuerst von den Eltern – einsuggeriert werden ("Das sind Mama, Papa, dieser Körper bist du …" usw.) und die mangels gedanklicher Vergleichsmöglichkeit nicht frei bewertet oder untersucht werden können, müssen als die Grundannahmen geschluckt werden. Was danach kommt ist erschreckend und zugleich faszinierend. Was immer als neue Erfahrung hinzukommt und zu einer Meinungsbildung über die Welt und über das eigene Verhalten führt oder sich dazu entwickelt, trägt diese grundsätzliche Bedeutung leise in sich. Alles, was der Verstand weiß, denkt, wie er sich verhält usw., ist geprägt von der Idee, eine Person unter vielen zu sein. Es ist die reinste Suggestion, die praktisch von Beginn an permanent abläuft. Keine einzige Handlung des Menschen ist davon ausgeschlossen. Und völlig unerkannt bleibt, dass es das gesamte, ihm erscheinende Weltbild ist, das hier zu Handlungen getrieben wird. Diese Suggestion ist extrem im Verstand verankert. Sie hat alles eingefärbt und färbt permanent alles ein. Sie loswerden zu wollen ist keine Aufgabe, die man eben mal mit "Ich hab's kapiert!" löst. Ganz im Gegenteil.

Ich bin so frei … oder doch nicht? (14. April/05. Mai 2012)

Ein heiß diskutiertes Thema ist das des "freien Willens". Gibt es ihn nun oder gibt es ihn nicht?

Alleine die Wortkombination "freier Wille" ist schon eine Farce an sich und hat ungefähr eine genauso tiefe Bedeutung wie die Wortkombination "pfeifender Tintenfisch", "helle Dunkelheit" oder "Leiter ohne Stufen". Warum? Ich werde einige Aspekte dazu aufzeigen.

Betrachten wir einmal das Wort "Wille" genauer. Es kommt von wollen und bedeutet: "wünschen", "fordern", "die Absicht haben". Auch die Wurzeln des Wortes verschiedener Sprachen weisen die selbe Bedeutung auf: "wählt", "wählt aus", "zieht vor", "wünscht", "liebt", "mag". Das Wort "Wille" beinhaltet also an sich schon die Möglichkeit der Wahl – der Freiheit zu wählen. "Freier Wille" ist somit als Wortkombination völlig unsinnig, sie würde umschrieben nur lauten: "die freie Freiheit zu wählen". Doch doppelt gemoppelt hält auch nicht besser! Dies wird noch deutlicher, wenn wir die Wortkombination "freier Wille" versuchen zu negieren: "einen nicht freien (oder unfreien) Willen haben" und damit "eine unfreie Absicht haben". Wie soll das denn gehen? Ich könnte beispielsweise eingesperrt werden, aber hier von einer unfreiwilligen Absicht oder einer unfreiwilligen Wahl meinerseits zu sprechen, ist blanker Unsinn.

Ebenso deutlich wird die Sinnlosigkeit dieser seltsamen Wortkombination aus einer anderen Sicht. Wir kennen alle den Spruch: "Willst du … bis dass der Richter euch wieder scheidet?" … "Ja, ich will!" Was geschieht hier? Ganz klar: Freiheit wird zur Bindung, zu einer Festlegung – wenn auch hier meist noch mit einem Strahlen im Gesicht. Ein anderes Beispiel: "Willst du Nudeln oder lieber Reis?" Sobald du dich für eines der beiden entschieden hast, wird aus "nicht festgelegt" eine Festlegung, eine Bindung also – was auch hier sicherlich erwünscht ist, damit die Nudeln endlich auf den Tisch kommen. Dennoch bedeutet "Wille" auf alle Fälle: Festlegung oder Bindung. Man könnte auch sagen, du schränkst dich ein.

Wenn wir nun das Wort "frei" betrachten, so impliziert es die Frage: "frei … wovon?". Wenn du ein wenig darüber nachdenkst, wirst du die Antwort schnell finden: frei von nicht gewollten Bindungen. Was vor Jahren gewollt war – "Ja ich will!" – ist nun vielleicht zum "Nein, ich will nicht mehr!" geworden. Wenn du wegen einer Krankheit ans Bett gefesselt bist, so willst du sicherlich bald wieder von dieser unangenehmen und unerwünschten Bindung befreit werden. Wenn du frei reisen willst, so willst du von den Bindungen, Einschränkungen oder Beschränkungen (wie beispielsweise die Reisebeschränkungen der damaligen DDR) entbunden werden usw. Ein anderes Wort für "von einer Bindung befreit sein" (frei sein) wäre oder ist: "unverbindlich". "Freier Wille" kann damit umschrieben werden als "unverbindliche Verbindlichkeit", "uneingeschränkte Einschränkung" oder "nicht festgelegte Festlegung". Auch hier zeigt sich, wie unsinnig diese Wortkombination ist.

Die Wortkombination "freier Wille" ist also falsch gewählt, es müsste, wenn schon, heißen: "freie Entscheidungsmöglichkeit". Das bedeutet im Grunde, dass ich mich aus "freien Stücken" heraus entscheiden kann, woran ich mich binde.

Bleiben wir also beim "Willen" an sich – der freien Entscheidungsmöglichkeit, woran ich mich binde. Wir stellen fest, dass das Wort im normalen Sprachgebrauch bereits die Freiheit der Wahl beinhaltet. Doch habe ich wirklich diese Freiheit, die ich da normalerweise "fühle" und mir einbilde? Das ist die entscheidende Frage.

Bin mal eben weg! (26. Mai/16. Juni 2012)

Das Durchschreiten oder Überschreiten der einzelnen Stufen (oder Körper) erfolgt "einer nach dem anderen". Hat der Sucher voll und ganz verstanden, dass er nicht der physische Körper ist und es eine Zeit lang auch praktiziert (sich ständig vergegenwärtigt, dass er den Körper nur benutzt), so wird seine innere Überzeugung gewachsen sein. Er ist damit bereit, zu verstehen, dass er (jetzt) der Subtilkörper ist ("ich denke" usw.). Nun ist er in der Lage, den Subtilkörper (das Denken und all das, was daran hängt) zu untersuchen – so, wie ich es beschrieben habe – und wird bald erkennen, dass es nicht er sein kann, der hier denkt und handelt. Mit genügend Praxis und Überzeugung wird er sich dessen bald sicher und wird feststellen, dass es ihn (momentan) gar nicht gibt. Nichts von dem, was er bislang kannte, ist länger "Ich". Nichts ist da, das mit ihm etwas zu tun hätte.

Hier nun betritt er den dritten "Körper" oder die dritte Ebene, genannt: der Kausalkörper. Doch was ist dieser Kausalkörper, diese Kausalebene? Aus was besteht er/sie? Wo könnte sich hierin das "Ich" aufhalten?

Es ist nicht mehr so leicht zu verstehen, wie es bei den anderen beiden Körpern/Ebenen noch möglich war. Während das "Ich" sich in den beiden anderen Körpern/Ebenen großspurig gezeigt und allem lauthals seinen Stempel aufgedrückt hat ("ich denke", "ich handle" usw.), scheint es hier verstummt zu sein, spielt blinde Kuh und übt sich im Schweigen. Wo immer man nach dem "Ich" sucht, es will sich hier nicht zeigen.

Viele, die hier angekommen sind, haben aufgegeben, weiter zu suchen. Und so mancher hält diesen Zustand für das Ziel. Doch er ist nur das, was die westlichen Philosophen als "unwissbar" oder "leer" bezeichnet haben. Durch die Stille ("da ist sonst nichts"), die hier empfunden wird und das (momentan und scheinbare) Verschwinden jeglichen "Ichs" (bzw. der Erkenntnis, dass das bislang geglaubte "Ich" nur ein Gedankenkonstrukt ist) kommt man jedoch durchaus in die Versuchung, zu glauben, dass das die Verwirklichung wäre. Doch es ist nur das, was ich als "Erleuchtungsfalle" bezeichne.

Die Beschaffenheit oder die Natur des Kausalkörpers wird als "totales Vergessen" und damit als Unwissenheit oder Nicht-Wissen bezeichnet. Es gibt hier keine erkennbare Beziehung zum physischen Körper oder zum subtilen "Körper". Es bedeutet, dass es kein Wissen irgendwelcher Art gibt. Der physische Körper und der subtile "Körper" mögen da sein, aber (das momentan nicht vorhanden zu scheinende) "Ich" hat damit nichts zu tun. Dieser Zustand ist ähnlich dem des tiefen Schlafes, dennoch ist es kein Schlaf. Auch wenn hier ein Zustand großen Friedens erreicht wird, ist das nicht der endgültige (ultimative) Frieden.

Wach zu sein, aber alles vergessen zu haben, heißt, den kausalen "Körper" zu betreten, der der natürliche Zustand eines jeden Menschens oder Wesens ist. Sich in diesem Zustand vollständig zu etablieren ist nicht leicht und gilt als eine der schwierigsten Aufgaben.

Orakel, Orakel ... (07. Juli 2012)

Auch wenn im kausalen Zustand alles, was weltlich ist, "vergessen" wurde – d. h. in der Praxis: "Nichts von dem, was erscheint, hat etwas mit mir zu tun!" –, bleibt dennoch eine Art Bewusstsein der reinen Existenz (oder des reinen Seins) bestehen. Und zwangsläufig taucht hier früher oder später die Frage auf: "Wer bin ich?", oder: "Wer bin ich dann, wenn ich nichts von dem bin, was ich bislang kannte? Wenn ich nichts mit dem zu tun habe, was erscheint?"

Die Frage nach dem, was man in Wahrheit ist, ist wohl so alt wie die Menschheit selbst. So finden wir beispielsweise die Aufforderung "Erkenne dich selbst!" bereits um 650 v. Chr. als Schriftzug am Tempel von Delphi. Zahlreiche Philosophen haben sich an dieser Frage offensichtlich die Zähne ausgebissen. Doch das ist kein Wunder.

Wenn wir mit dem Verstand eine Frage stellen, so erwarten wir (oder der Verstand) auch eine Antwort. Ob diese nun korrekt ist oder nicht, oder ob sie in "Ich weiß es nicht!" mündet, spielt keine Rolle. In jedem Fall gibt sich der Verstand nur mit einer für ihn verarbeitbaren Antwort zufrieden. Bestenfalls wird er "zähneknirschend" aufgeben, die Frage erneut zu stellen, wenn es ihm nicht gelingt, eine brauchbare Antwort zu bekommen.

Solange der Suchende noch in der Idee feststeckt, dass er eine Person, ein Körper oder der "Denker" (Subtilkörper) ist – ein Einzelwesen in der Welt letztlich –, kann und wird der Verstand auf die Frage nach dem "Wer bin ich?" zwangsläufig und sofort mit einer Antwort aufwarten: "Ich bin eine Person (oder ein Körper, oder der "Denker" usw.). Doch damit wird die Frage niemals so beantwortet werden können, dass damit die Suche zu Ende sein könnte oder Selbst-Erkenntnis erreicht wäre. Dem Suchenden muss durch intensive Untersuchung der Gegebenheiten völlig klar werden, dass er nicht der Körper, der Denker, eine Person usw. sein kann. Es nur glauben zu wollen, reicht einfach nicht aus.

Anders sieht es aus, wenn der kausale Zustand erreicht wurde und der Suchende völlig klar gesehen hat, dass er weder der Körper noch der "Denker" ist; wenn er erkannt hat, dass er nichts von dem ist, was wahrnehmbar ist. Dann kann aus dem Verstand auf die Frage "Wer bin ich?" zwangsläufig keine brauchbare oder endgültige Antwort aufsteigen. Die endgültige Antwort auf die Frage und das damit verbundene Ende der Suche nach sich selbst sieht anders aus.

Als ich damals den Kausalzustand erreichte und mir nun erneut diese Frage stellte, konnte der Verstand keine Antwort geben. Ich fragte erneut und erneut. Dies mündete ganz automatisch in einen 24-stündigen (abzüglich Schlafenszeit) Frage-Maraton nach dem "Wer bin ich?" Wochenlang und ohne Unterbrechung lief ich wie ein Hamster im Rad mit dieser Frage herum – fast bis zum Wahnsinn getrieben –, bis nach Wochen völlig unerwartet und mitten bei einem Spaziergang die Frage völlig verschwand und mit ihr: der Fragende. Ebenso verschwand im Bruchteil einer Sekunde jegliche bis dahin noch erdachte Beziehung zu der erschienenen Welt. Damit war die Suche nach mir (oder: was ich bin?) ganz und gar zu Ende. Selbst-Erkenntnis war geschehen. Zweifelsfrei!

Als ich bei einer meiner Schülerinnen an diesen Punkt kam, fragte ich sie erneut: "Wer bist du?" Sie blieb einen langen Moment still, dann sah sie mich entgeistert an und meinte dann: "Die Frage macht jetzt keinen Sinn mehr!" Die Suche nach sich selbst war in diesem Moment zu Ende und die unendliche Entdeckungsreise ins wahre Sein begann damit

Nun leuchte ich vor mich hin (28. Juli 2012)

Während man in den ersten beiden "Körpern" oder Zuständen das "normale", weltliche Wissen erfährt – das vergänglich ist –, landete man im dritten "Körper" (Kausalebene) in einer "totalen Vergessenheit" dieses Wissens. Man hat erkannt, dass jegliches weltliche Wissen – sogar die Welt selbst und dass es mich (die Person) gibt – aus dieser Unwissenheit der kausalen Ebene entsprungen ist (deshalb: kausaler "Körper"). Alles kommt aus diesem Nichts (oder: Vergessen) und kehrt wieder in dieses Nichts zurück – unwirklich und vergänglich also.

Überschreitet man nun auch dieses Nicht-Wissen, so erscheint das "Ich" als der erste Zustand im "Jenseits" – das (wahre) Ich bin, genannt: der große Kausalkörper.

Der Veda beschreibt drei sich abwechselnde Zustände: Schlafen, Träumen und den Wachzustand; und einen vierten Zustand, genannt: Turya (oder: Ich Bin, auch Sat Chit Ananda), der immer gleich ist und sich der anderen drei Zustände bewusst (ich sollte besser sagen: "gewahr") ist. Ebenso wird darauf hingewiesen, dass man diesen vierten Zustand erkennen soll – es ist der Zustand, in dem man sich als das Selbst (Atman) erkennt.

"Tatsächlich ist es "~ reines Bewusstsein", das sich in der Form von ("höherem") Wissen im Sinn von Ich bin ausdrückt. Doch es ist nicht gedacht und kann auch nicht als "bewusst" benannt werden. Schwierig zu erklären, da es sich jeglicher Worte entzieht. Wie kann man etwas beschreiben, was auch in der totalen Unwissenheit des Tiefschlafs anwesend ist? Wir kennen den Tiefschlaf nur als "Nicht-da-sein".

Was also kann man über das wahre Ich bin – den vierten "Körper" – sagen? Nicht viel.

Ich bin ist ein "selbst-leuchtender" Zustand. Er verschwindet nicht mit Eintritt des Schlafes. Er kennt das "Wissen" der beiden niederen "Körper", ebenso wie die Unwissenheit (Vergessen) des kausalen Zustands. Ihn verstehen zu wollen ist unmöglich.

Wer im Ich bin-Zustand verweilt – ein anderes Wort dafür wäre: reines Gewahrsein –, der ist sich durchgehend gewahr: bei Tag, im Traum und im Tiefschlaf. Im Grunde ist sich jeder Mensch gewahr, und das immer. Doch muss man sich des Gewahrseins gewahr werden, bevor man das erfassen kann.

Bin ich schon da? (18. August 2012)

"Es ist er, der die Auflösung aller Veränderungen des Wissens bezeugt und über dem großen Kausalkörper [Turya- oder Ich-bin] vorsitzt. Dennoch sollte klar verstanden werden, dass dieses ‚bezeugende Wissen' ebenso ein Parasit (eine unerwünschte Anwesenheit) der ‚reinen Natur des Selbsts' ist. Dieses ‚bezeugende Wissen' wird nur gebraucht, um das Nicht-Wissen des Kausalkörpers zu vernichten, womit gemeint ist: kein Wissen zu haben. Wenn das ‚bezeugende Wissen' des vierten Körpers hinter sich gelassen wurde, dann ist der Zustand des Vergessens vergessen, und ‚Wissen' sieht nur noch sich selbst. Die Beobachtung des eigenen Selbsts kann nicht ‚bezeugen' genannt werden. Der Beobachter wird Zeuge genannt, wenn er das Selbst vergessen hat und etwas Objektives sieht, oder etwas, was unterschiedlich zum Selbst ist. Wenn er nur sich selbst sieht, dann verbleibt er in diesem ‚absoluten Wissen', vijnana, dessen Beschaffenheit dem des ‚Absoluten' entspricht."

[Sri Siddharameshwar Maharaj - aus "Master of Self-Realization"]

Wie ich schon schrieb, erzeugt das Erreichen des vierten "Körpers" ein "Gefühl" von "Ich kenn mich selbst" (Selbst-Erkenntnis) bzw. "Ich bin Brahman" (die Realität).

Wenn nun auch dieses "Wissen" vollständig ausgelöscht ist – dies geschieht durch eine tiefe Unterscheidung zwischen wirklich und unwirklich (ich finde hier keine korrekten Worte mehr, um es "allgemein verständlich" zu beschreiben), so "vergisst" man auch diese "Idee" der Selbst-Erkenntnis. Wer das erreicht hat, muss sich nicht mehr erinnern, was er ist. Das kannst du mit deinem Namen vergleichen. Du weißt, wie du heißt, deshalb musst du dich auch nicht andauernd erinnern, wie du heißt. In diesem Zustand jedoch weißt du absolut nicht mehr, was du bist! Wer sich noch daran erinnern muss, was er ist, ist mit Sicherheit noch nicht angelangt.

Hier nun ist das wahre "Ich" von allen illusorischen Hüllen oder "Körpern" befreit. Doch es gibt keine gültige Beschreibung, die erklären könnte, was dieses "Ich" ist. Die negative Annäherung "Neti, neti" (nicht dies, nicht dies) ist der einzige gültige Hinweis, der möglich ist. Nur in tiefster Stille kann gesehen werden, aus was das "Ich" besteht, was dieses "Ich" ist.

Verständigungsschwierigkeiten? (10. September 2012)

Folgt man der Lehre der Advaita Vedanta (Advaita=Nichtdualität; Veda=Wissen; Vedanta=das Ende oder Schweigen des Veda) so stellt man bald fest, dass es Dutzende von Bezeichnungen und Namen gibt, und eine klare Richtung nicht mehr gegeben zu sein scheint – "Wie nun? … Wo lang geht's denn jetzt? … Und was ist nun damit schon wieder gemeint? … Oder wie oder was?" usw. In Indien (oder Asien) ist man es offensichtlich gewohnt – vielleicht aus traditionellen Gründen – mit vielen Begriffen umzugehen, ohne bei jedem Wort den genauen Sinn erfahren zu müssen. Wir im Westen scheinen da anders gestrickt zu sein. Alles wollen wir immer ganz genau wissen oder verstehen (vor allem jene im deutschsprachigen Raum). "Erfühlen" und "erfahren" scheint nicht so sehr unsere Stärke zu sein.

Sri Siddharameshwar Maharaj hatte damals (so um 1930) eine Art zusammenfassende Beschreibung gegeben, die uns helfen kann, so manchen vedischen Text leichter zu "verdauen". Ich gebe hier die Kernaussagen wieder. Nichtsdestotrotz: Alles, was über die Kausalebene hinaus beschrieben wird, ist bereits jenseits des Verstandes, ist "nur" eine Hindeutung und kann damit nicht bis zu einem glücklichen Ende zerdacht werden. Ebenso wenig bringt einem ein "Ich hab's verstanden!" zur Selbst-Erkenntnis oder Selbst-Verwirklichung. Es führt auch nicht zur Befreiung/Erlösung. Der gesamte Weg muss schon auch gegangen werden.

Nichts zu finden heute (28. September 2012)

Man sagt, dass Brahman selbst ohne Anfang und ohne Ende ist. Dennoch ist es als Bewusstsein noch eine Art Illusion.

"Oh, Mensch, warum fragst du nach etwas, das überhaupt nicht
existiert? Die Welt wurde nicht in die Existenz gebracht.
Nur das absolute Parabrahman alleine existiert."

[Saint Sri Samartha Ramdas – aus "Dasbodh"]

Die Idee, eine Person zu sein, und damit die Welt als wahr anzusehen, ist eine Illusion, ein Traum. Er wird vom Bewusstsein geträumt. Doch dieses Bewusstsein ist selbst abermals ein Traum – der Traum des höchsten Selbst (Paramatman). Das weltliche Leben ist also nichts anderes als ein Traum in einem Traum. Deshalb bringt einen erst das Überschreiten des "Göttlichen" (des Bewusstseins, "Ich bin" oder Turiya) zum wahren Selbst, zu der Erkenntnis, dass man Paramatman (das höchste Selbst), bzw. Parabrahman (die höchste Realität) ist. Doch es gibt keine Worte, die es beschreiben könnten.

Was kann man dazu sagen? Nichts. Ein paar Hinweise, auch wenn sie gedanklich niemals vollständig erfasst werden können, gibt es.

Eine harte Nuss … (20. Oktober 2012)

Alle Worte sind nur Hindeutungen, Hinweise auf etwas, das nicht beschreibbar ist. Was hinter all den Erklärungen und Beschreibungen tatsächlich steckt, ist so paradox, dass es nicht einmal annähernd Worte dafür gibt. Was immer diese "letzte" Wahrheit (die höchste Realität) tatsächlich ist, wird man vollständig erst mit der Erlösung/Befreiung erfahren können. Nichts von dem, was je gesagt, geschrieben und umschrieben wurde, hat dann noch länger einen Wert. Alles Gesprochene und Gedachte wird danach nur noch als "falsch" erkannt – wenn es auch für den jeweiligen Moment "richtig" genug war, um überhaupt dort hin zu kommen. Nichts wird dann länger brauchbar sein.

Deshalb ist die Suche nach sich selbst eine etwas "knifflige" Angelegenheit. Alles, was ich (oder jeder andere) sagt oder schreibt, kann zu jeder Zeit mit Logik angegriffen und als "falsch" hingestellt werden. Jeder, der einen Weg lehrt, weiß, dass der "Schüler" erst ein hohes Maß an Vertrauen zu seinem Lehrer/Meister erreichen muss. Denn nur wenn er ihm einige Zeit bedingungslos folgt – ungeachtet der Möglichkeit, das Gesagte als "falsch" ansehen zu können – wird er Fortschritte feststellen können. Ist eine "Stufe" durchschritten, so wird der Lehrer/Meister dem "Schüler" sagen (oder der "Schüler" erkennen), dass das nun "Verdaute" zwar auch nicht ganz richtig war, aber notwendig, um andere Irrtümer auszuräumen. Dann kann und wird das Gelernte oder Erfahrene abgelegt und der nächste Schritt in Angriff genommen werden können. Am Ende bleibt dann keinerlei "Wissen" übrig, das noch länger brauchbar wäre.

Sobald die Welt (oder eine Traumwelt) erscheint, steigen mit ihr das Beobachtete (die Objekte) und der, der beobachtet (das Subjekt, der Beobachter) auf. Mit ihnen existiert automatisch auch das, was man "die Beobachtung als solche" nennen könnte. Diese drei bilden eine Einheit, werden zusammenfassend Bewusstsein genannt und sind reinste Illusion – die Maya. Bezüglich des nächtlichen Traums ist das leicht verständlich, denn wir erfahren ihn jetzt nur noch als Erinnerung und sind außen vor. Dass das tägliche Leben und damit die erkannte Welt auch nichts anderes als ein langer Traum und pure Illusion sind, ist im Jetzt nicht so leicht zu durchschauen – bestenfalls erahnt man es vielleicht –, denn jetzt sind wir, oder scheinen zumindest, in diesem Traum eingeschlossen zu sein.

Für den suchenden Anfänger, der noch damit kämpft, die Idee, eine Person oder der Körper zu sein, los zu werden, ist es sicherlich nicht verkehrt, zuerst die Idee zu verwirklichen, dass er "nur" der unbeteiligte Beobachter des Ganzen ist. Ist er damit erfolgreich, wird er hoffentlich bald in der Lage sein, sich als "die unpersönliche Beobachtung als solche" aufzufassen. Dennoch ist das immer noch Teil dieser Trinität, Teil der Illusion und damit Teil der Dualität.

Ein Irrtum ist es, wenn man glaubt, man wäre dieses mysteriöse Etwas, in dem alles erscheint. Das ist immer noch Teil der Illusion. Denn: Da hätten wir also den, in dem alles erscheint und zwangsläufig auch das, was in ihm erscheint (die Erscheinung). Doch das sind immer noch zwei!

Träumereien … (09. November 2012)

Du bist im Tiefschlaf und wie aus einem Nichts steigt ein Traum auf. Eine komplette Welt – bereits fertig gebacken – erscheint. Und im selben Augenblick erlebst du dich als Traumfigur. Andere Figuren erscheinen möglicherweise, die du für "die anderen" hältst. Und dann, plötzlich, ist dieser Traum wieder weg. Erneuter Tiefschlaf folgt (oder du wachst hier auf)!

Wo kam diese Traumwelt her? Wo ging sie hin? Wenn du darüber ein wenig brütest wird schnell klar, dass das alles nur eine Illusion war – aus dem Nichts erschienen, ins Nichts verschwunden.

Wer bist du? Du kannst nichts sein, was wie eine Fata Morgana kommt und geht und dem diese Illusion erschienen ist (erscheinen = eine Erscheinung, also nicht wirklich vorhanden). Wärest du nicht da, wem könnten diese Träume erscheinen?

Du bist das, was du auch im Tiefschlaf bist, wenn du dich jetzt bitteschön daran erinnern möchtest.

Du glaubst, du wachst am Morgen auf? Du irrst dich. Du fängst gerade erneut das Träumen an!

Die Erinnerung an den Tiefschlaf ist so unmittelbar und direkt, dass du sie andauernd übersiehst. Du wirst sagen, da war nichts. Doch das IST bereits deine "Erinnerung" (an dich). Du erinnerst dich unmittelbar an nichts. Und dort – in diesem "Nichts" – versteckst du dich mit deiner wahren Natur.

Um es richtig zu verstehen: Wir sind es so gewohnt, dass bei einer Erinnerung geistige "Bildchen" auftauchen. Doch auch die Erinnerung an die Leere des Tiefschlafs ist eine Erinnerung. Wäre sie keine, so wäre auf die Aufforderung "Erinnere dich an den Tiefschlaf!" nur folgende Antwort möglich: "An was soll ich mich erinnern? Ich weiß nicht, wovon du sprichst?" Wenn ich dich frage, "Erinnerst du dich, was du vor drei Monaten und fünf Tagen gefrühstückt hast?", so wirst du höchstwahrscheinlich antworten: "Ich weiß es nicht mehr." Du hast es schlichtweg vergessen. Die Erinnerung an den Tiefschlaf aber ist so fundamental, dass es gar nicht möglich ist, sie jemals zu vergessen. Die üblichen "Bildchen" sind halt nicht dabei. Das ist der einzige Unterschied.

Das, was du in deiner Essenz bist, braucht keine Erinnerung (und schon gar keine mit "Bildchen"). Es besteht ewig. Erinnerung existiert nur in Bezug auf einen Traum und nur innerhalb des Traums. Ist ein Traum vergessen, ist auch die Erinnerung daran verschwunden oder verblasst ziemlich schnell. Dich wieder daran zu erinnern, ist das erneute Erscheinen dieses Traums. Das erlebst du jeden Morgen. Und eines Tages wird es das letzte Erinnern und in Folge das letzte Vergessen daran sein. Das ist gewiss. Du wirst bleiben, wenn du dich jetzt bitte auch daran erinnern möchtest!

Du glaubst, du bist diese Person hier? Du träumst dich nur gerade selber – samt den ganzen Rest drum herum

Knastert's oder knistert's? (30. November 2012)

Und dann erzählt man dir immer wieder, dass es gar keine Befreiung gibt, weil es auch keine Bindung oder Gefangenschaft gibt. Gelesen hast du das womöglich auch schon einige Male. Vielleicht wirst du dich nun fragen, was dann der ganze Zirkus um die Selbst-Verwirklichung soll, wenn du doch schon immer frei warst und frei bist?

Meine Frage an dich: Fühlst du dich frei? Lebst du in Freiheit? Bist du nun verwirklicht, nur weil dir jemand erzählt hat, du wärest schon frei? Wohl kaum. Was also steckt dahinter?

Stell dir vor, du sitzt in einer Zelle eines streng bewachten Gefängnisses. Wie du dahin gekommen bist, daran kannst du dich nicht mehr erinnern – aber da sitzt du nun. Überall laufen grimmig dreinschauende Wächter herum, von denen erzählt wird, dass sie sofort zuschlagen oder schießen, wenn jemand auch nur den leisesten Versuch einer Flucht unternimmt. Von draußen hörst du in unregelmäßigen Abständen Schüsse. Man sagt dir dann immer: "Wieder einer, der zu fliehen versuchte!" Und du siehst danach jeweils durch dein Zellenfenster, wie eine Bahre, auf der eine abgedeckte Leiche liegt, weggetragen wird. Keine rosigen Zeiten also, die du gerade durchlebst.

Eines Tages entdeckst du in der Gefängnisbibliothek ein Buch, das dich fasziniert. Darin behauptet der Autor – vielleicht als Weiser oder Meister betitelt –, dass es gar kein Gefängnis gibt und dass das alles nur ein Show ist, die dir vorgespielt wird. Er schreibt, dass deine Zellentür kein funktionierendes Schloss hat und die Wächter nur sehr geschickt programmierte und lebensecht geformte Roboter sind, die sich zwar scheinbar wie echte Wächter benehmen, aber dir niemals etwas tun werden. Weiter schreibt er, dass auch die Wächter im Außenbereich Roboter sind und die Schüsse nur mit einem Dummy-Gewehr abgefeuert werden. Und dass du jederzeit problemlos das vermeintliche Gefängnis verlassen kannst. Nichts wird dir geschehen.

Du bist fasziniert, suchst weiter in der Bibliothek und findest weitere Bücher mit ähnlichem Inhalt. Vielleicht besucht dich auch ein "Meister" und erzählt das Gleiche. Dein Glaube wächst. Doch wirst du es wagen, gleich loszustürmen und einfach auf Verdacht abhauen? Ich glaube kaum. Was wird oder könnte wohl mit oder in dir passieren?

Es könnte sein, dass du, nachdem dein Glaube und Vertrauen in das Gelesene gewachsen ist, vorsichtig an die Tür deiner Zelle gehst und nach einigen Malen zurückschrecken verstohlen versuchst, die Zellentür einen minimalen Spalt zu öffnen. Und stellst mit Erstaunen fest, dass sie sich öffnen lässt.

Doch was ist mit den Wächtern? Sie greifen nicht ein. Wieso? Weil es wahr ist, dass sie nicht echt sind? Sie sehen so echt aus. Dann kommen dir vielleicht Zweifel, wie beispielsweise: "Vielleicht haben diese Hunde nur die Tür offen gelassen und spielen ein Spiel mit mir. Wenn ich tatsächlich aus meiner Zelle fliehe, werden sie mich hinterrücks erschießen. Vielleicht haben sie untereinander gewettet, wer den nächsten erschießen darf und mich dafür ausgewählt?" …

Packen wir mal die Koffer (21. Dezember 2012)

Obwohl die Beschreibung der Advaita Vedanta direkt in das Herz des Löwen führen kann, gibt es natürlich auch andere Wege, die es mit ganz anderen Betrachtungen/Worten ebenfalls schaffen. Das zeigt uns, dass auch die gegebenen Beschreibungen nur eine Art der Darstellung sind. Das führt mich dazu, verschiedene Aspekte der Advaita Vedanta zu erörtern, die für den Suchenden ebenfalls nützlich sein können. Insbesonders nehme ich hier häufig Brahman und Parabrahman/Paramatman ins Visier, da diese Worte nie ganz beschrieben werden können. Ob ich beispielsweise Brahman als Brahman oder die Realität bezeichne – was es im Endeffekt tatsächlich ist, entzieht sich ohnehin der genauen Beschreibung. Also bleibt nichts anderes übrig, als es aus verschiedenen Betrachtungswinkeln zu umschreiben.

Da haben wir nun dich – Paramatman, das höchste Selbst, oder Parabrahman, die höchste Realität –, von dem gesagt wird, du wärst es schon. Doch du kannst es unmöglich mit dem Verstand erfassen. Das ist klar. Denn: Wenn du in den Spiegel schaust, so kannst du das Spiegelbild deines Auges sehen, doch nicht dein Auge. Das wirst du niemals selber sehen können. Außer vielleicht, du nimmst es mal raus und beguckst es mit dem anderen Auge. Eine Handlung, die wir allerdings sehr selten und wenn, dann äußerst ungern vollziehen.

Ebenso wenig kannst du dich – als Selbst – je selber sehen. Du kannst es nur sein, und du bist es schon. Alles, wirklich alles, was du sehen, bzw. wahrnehmen kannst, ist also das "andere". Den Körper und die Gedanken mit eingeschlossen.

Wiederum bist du als Paramatman aber alles. D. h., du würdest also – zumindest wenn wir in der gedanklichen Logik bleiben – nie etwas über dich entdecken können. Hier nun hilft dir die Illusion der Dualität. Paramatman scheint sich zu teilen – so könnte man es vielleicht in Worte ausdrücken – und betrachtet als der eine Teil den anderen. Sieht sich also selbst. Oder anders gesagt: Paramatman erschafft einen Traum und vergisst sich dabei. In diesem Traum entsteht ein weiterer Traum, in dem sich Paramatman verfängt. Von nun an glaubt er sich als separate Traumfigur und guckt als diese zu, bzw. fühlt sich selbst als ein individueller Handelnder.

Läuft der Film schon? (12. Januar 2013)

Eine andere Betrachtung bezüglich des Bewusstseins ist die bekannte Darstellung eines Films im Lichtspielhaus – auch Kino genannt. Da haben wir nun die Leinwand, das Lichtspiel – das nur aus wechselnden Lichtquanten besteht, aber hervorragende Gefühlsschauer im Zuschauer erzeugen kann –, den Projektor, den Film auf der Rolle, der durch den Projektor läuft und die Lampe (das Licht), ohne deren Leuchtkraft das ganze Theater dunkel bliebe und ein Besuch des Kinos wertlos wäre.

Die Leinwand, so könnte man im Vergleich sagen, ist der "Raum" des Bewusstseins [akash genannt], die Lichtquanten sind das darauf projizierte dreidimensionale Bild – die Welt mit Ton, Gefühl, Geschmack usw. Die Filmrolle (vielmehr der Inhalt des Films auf der Rolle) wiederum ist der Verstand (das Denken – du erinnerst dich: die Bewegung des Bewusstseins). Und dann hätten wir noch die Lampe, das Licht. Und dies ist quasi das reine Bewusstsein, das Ich bin oder: "Gott".

Ja, du hast richtig gelesen! Das reine Bewusstsein (Ich bin) – oder "Gott" – ist im Vergleich "nur" das Licht, es ist die Power (die Kraft), die alles ermöglicht. Ohne dieses "Licht" gäb's den projizierten Film nicht.

"Sie glauben, Gott kennt Sie?
Er kennt noch nicht einmal die Welt."

[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]

Wer nun erschafft – mit Hilfe dieses Lichts, dieser Kraft – diesen ganzen Mist, der da so tagtäglich abläuft? Genau, der Film – der Verstand also. Und der ist nichts anderes als: die Bewegung im Bewusstsein. Und du bist dieses Bewusstsein (zumindest innerhalb der erschienenen Welt)! Du also bist der "trouble maker" – du ganz alleine.

Spätestens jetzt wird es Zeit, dich von den altbackenen Vorstellungen eines Gottes im Himmel langsam aber sicher zu verabschieden, meinst du nicht? Das Licht tut nichts, aber auch gar nichts für dich – es scheint halt ewig vor sich hin, damit der Verstand locker und luftig sein Unwesen treiben kann. "Hilf dir selbst", heißt es oft und das wird nun endlich auch für dich stimmig, oder nicht?

Denksport (03. Februar 2013)

Am Anfang schrieb ich, dass das Denken nicht erklärt werden kann, bzw. schwer zu erklären ist. Oder es uns so natürlich erscheint, dass wir uns noch nie (erfolgreich) Gedanken gemacht haben, was es denn nun wirklich ist. Vielleicht bist du aber auch der Meinung, dass es eh klar ist: Wir denken Gedanken. Doch ich wär mir da nicht so sicher, ob das die richtige und/oder vollständige Erklärung für das Denken ist. Lass uns das genauer anschauen.

Benennen wir nun mal nicht – wie üblich – das Erscheinen der Gedanken alleine mit Denken ("Ich habe Gedanken gedacht"), sondern benennen wir die gesamte Bewegung im Bewusstsein mit dem Wort "Denken". Wir haben gesehen, dass das, was sich hier "bewegt", als projiziertes Bild auf der Leinwand (akash) erscheint und als Welt und Traumwelt wahrgenommen wird. Ebenso erscheint ein Teil der Bewegung als Gedanken. Beide, die Gedanken und die wahrgenommene (Wach-)Welt existieren also unabhängig voneinander, aber durchaus zur gleichen Zeit. Es ist, als ob zugleich mehrere Welten erdacht werden: diese und die Gedankenwelten.

Wenn du nun die Entstehung und das Vergehen von Gedanken beobachtest, so wirst du sagen, dass du Gedanken gedacht hast (oder dass Gedanken gedacht wurden). Der Vorgang des Denkens selbst bleibt unentdeckt und unerkannt. Das Ergebnis des Denkens jedoch – die Gedanken – werden gesehen oder wahrgenommen.

Und so ist es auch mit dieser Welt. Das, was ge- oder erdacht wird (die Welt nämlich) kann nur als Spiegelbild oder als Ergebnis – das Wahrnehmen der Welt – erkannt werden, der Prozess des Denkens selbst jedoch bleibt – wie bei den Gedanken – unerkannt. Beide, die Gedanken, wie auch die Welt, sind erdacht, und die jeweiligen Ergebnisse sind sichtbar. Ebenso im Traum. Der "Denker" – du, oder das Bewusstsein – kann nicht entdeckt werden, genauso wie das Auge sich selbst nicht sehen kann.

Wenn du nun einen Tagtraum oder eine Fantasie erschaffst – also unerkannterweise denkst und das Ergebnis als Tagtraum (Gedanken) wahrnimmst –, wirst du feststellen, dass du immer ein ganzes Bild hinstellst. Wenn du dir beispielsweise einen tanzenden Elefanten vorstellst, kreierst du zugleich den Boden, auf dem er tanzt und dessen Beschaffenheit mit hinzu, ebenso einen Himmel usw. Was auch immer. Du erschaffst eine gedankliche Welt. Wie im Traum.

Nun lass den Elefanten in deiner Fantasie einmal in die Luft springen (oder den Rasenmäher des Nachbarn ausbüxen; oder den Kuckuck von Nachbars Kuckucksuhr kotzen). Wie machst du das? Probier es ruhig aus. Bald wirst du feststellen, dass du ihn dir springend "erdenkst". Wie du das machst, bleibt unentdeckt – es kann und wird dir nicht bewusst werden, wie das geht, und dennoch: der Elefant springt. Bei genauer Betrachtung kommt etwas Erstaunliches zutage: Was du unbekannterweise denkst, ist das, was du – augenblicklich – siehst. So, als ob das (unerkannte) Denken die Quelle wäre und das wahrgenommene Bild das Spiegelbild. Unmittelbar reflektierend – ohne Verzögerung also.

Schwimmunterricht (22. Februar 2013)

Ein Ozean besteht durch und durch aus Wasser. An seiner Oberfläche kräuseln sich Wellen, die sich je nachdem, wie der Wind steht und bläst und/oder Strömungen vorherrschen, mal kleiner, mal größer aufbäumen. Manchmal sind sie ruhig, klein oder nahezu verschwunden. Manche Wellen zerbersten an einer Brandung, andere laufen am Strand einfach friedlich aus. Wasserwirbel entstehen an Felsen und machen aus Wellen wilde Sprudel usw. Doch sie alle sind nichts anderes als Wasser – das gleiche Wasser wie das des Ozeans. Wenn Wellen vergehen, entstehen neue. Doch eine vergangene Welle hat mit der neuen nichts zu tun. Alles ist immer das gleiche Wasser, alles ist immer Ozean.

Die gesamte Welt ist nichts anderes als das Spiel des Bewusstseins (die Wellen). Seine Substanz ist immer das "Wasser" (Brahman, die Realität). Die Menschen, Tiere, Pflanzen und alles andere sind also nichts anderes als die Wellen: geformtes Bewusstsein, die in ihrer Substanz nichts anderes als der Ozean selbst sind. Wir werden von den Strömungen und "Winden" des Lebens genauso willenlos vorwärts getrieben wie die Wellen an der Oberfläche des Ozeans. Manche haben ein ruhigeres Leben, manche nicht. Vergehen wir, so löst sich nur die Form auf, und alles was bleibt, ist die Substanz. Neue Formen entstehen, doch die haben nichts mit den vergangenen Formen zu tun.

Dennoch, so kann man sagen, bildet sich jede Welle (zumindest jene in menschlicher Form) ein, dass sie einen eigenen Willen und eigene, freie Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeit hätte. Sie halten sich für vom Ozean separate Wesen, die auch noch stolz darauf sind. Ohne zu merken, dass sie selbst nur Formen an der Oberfläche dieses einen Ozeans sind. Der Ozean selbst – als Gesamtes – wiederum weiß von sich nichts. Er ist einfach nur Ozean.

Wer es durchschaut hat, sieht in allem nur noch die Realität (Brahman, das Wasser des Ozeans). Er sieht natürlich weiterhin die Formen und muss sich selber als Form begreifen – als Individuum. Aber er weiß, das was immer geschieht, einfach das ist, was ihm als "Welle" widerfahren muss – inklusive dem Denken. Er wird eine andere Welle (Person) weiterhin als seltsam oder als attraktiv ansehen, dennoch vergisst er nicht: alles ist nur das Eine! Alles besteht aus dieser einen Substanz. Und er weiß, wenn er vergeht, so löst sich nur die Form in ihre ungeformte Substanz wieder auf. Nichts geschieht wirklich. Nur Formen kommen und gehen.

Handlungsverdrehungen … (15. März 2013)

Eine in der heutigen Zeit verbreitete Aussage ist: Handlungen geschehen, aber es gibt keinen Handelnden. Doch diese Ansicht hat keineswegs etwas mit den Aussagen der Advaita Vedanta oder dem Veda zu tun. Sie führt den Sucher, wenn er das für bare Münze hält, früher oder später in Probleme hinein. Um das, was tatsächlich dahinter steckt, einigermaßen darstellen zu können, muss ich allerdings ein wenig ausholen. Dennoch bleibe ich bei dieser Beschreibung eher oberflächlich; es würde sonst unnötige Bücher füllen.

In den Lehren der Advaita Vedanta und dem Veda wird reines Brahman (Brahman-NirgunaBrahman ohne Attribute oder Merkmale; oder auch Parabrahman, die höchste Realität) gerne mit dem Raum oder dem Himmel verglichen. Dieser ist auf ewig ohne Veränderung, unendlich und unantastbar. Nichts kann und wird Brahman-Nirguna je verändern. Dieses Brahman ist immer still und unbeweglich. In diesem Raum oder Brahman entsteht nun eine Bewegung, Bewusstsein oder Moolamaya (die ursprüngliche Illusion) genannt. Diese wird üblicherweise mit dem Wind verglichen. Auch dieser ist wie der Raum nicht sichtbar, wird aber im Gegensatz zum Raum gespürt. Ganz einfach und hier nur andeutungsweise: Aus dieser Bewegung heraus entstehen die drei Gunas (Attribute) und in Folge die fünf subtilen Elemente. Aus der Mischung dieser Elemente mit den Gunas entstehen unendlich viele Variationen und in Folge die groben Elemente, die wir als Welt usw. wahrnehmen. Dennoch ist all das immer noch Brahman (es gibt nur Brahman), jetzt jedoch mit Attributen (oder Merkmalen). Man bezeichnet es als Brahman-Saguna.

Man sagt nun, dass in Brahman-Nirguna – da merkmallos – keine Aktivitäten passieren können und somit Brahman-Nirguna kein Handelnder sein kann. Saguna – die Attribute – sind bereits in dem enthalten, was kreiert wurde (Wind, Bewusstsein, Bewegung usw.). Das unveränderliche Brahman (der Raum) wurde also mit Attributen "behängt". Man sagt weiter, dass Brahman immer Brahman (das Unbewegte, die Realität) ist – mit und ohne Merkmale.

Einfach ausgedrückt: Brahman – die Realität – ist immer die Realität, der Wind (die Bewegung in Brahman) und alles was folgt, ist illusorisch (da es keine eigene Substanz besitzt).

Und dann war ich ganz allein (05. April 2013)

Kommen wir nun noch einmal zurück zu Paramatman, zum höchsten Selbst, oder Parabrahman, zur höchsten Realität, zu dir also und das Erscheinen der Welt. Paramatman ist unteilbar. Damit – und bleiben wir hier mal ein wenig logisch – kann er sich nicht sehen. Das ist absolute Leere, in der alles verschwunden ist. Hier gibt es allerdings eine Verwechslungsgefahr: Die "erlebte" Stille ist die Leere des Kausalkörpers; man erfährt totales Vergessen, ist aber "wach". Die "Leere" Paramatmans kann nicht erfahren oder erlebt werden, weil man sie ist und immer war.

Paramatman erschafft nun einen Traum (Bewusstsein), und vergisst sich. Er erzeugt innerhalb des Bewusstseins einen weiteren, dualistischen Traum (ich und die anderen), glaubt sich darin als Person, und sieht so den Rest seiner selbst als getrennt von sich an. Dennoch ist und bleibt er ungeteilt, d. h. auch der gesamte Traum (das Bewusstsein und sein Inhalt) ist dann immer noch Paramatman (das höchste Selbst) oder Parabrahman (die höchste Realität).

Und da waren's nur noch einer – Potzblitz: Advaita!

(dvaita bedeutet Zweiheit, advaita bedeutet Einheit, Nicht-Zweiheit).

Wir sollten das richtig sehen: Das höchste Selbst (Paramatman) in seiner "Reinform" ist reinste Leere ohne Attribute. Hier gibt es nichts zu finden, zu erkennen. Um überhaupt angemessen darauf hinzudeuten, müsste man fast sagen: Es ist die allerleerste Leere selbst. Noch nicht einmal Gewahrsein ist hier zu finden. Das kann man "erfahren", wenn man über das Bewusstsein hinauskommt (wobei das Wort "erfahren" natürlich hier nicht mehr stimmt; nichts wird erfahren!). Solange Paramatman jedoch seinen Traum (oder seine Träume) träumt, gibt es die Dualität: Bewusstsein, den Traum im Traum (die Bewegung im Bewusstsein – Welt, nächtlicher Traum, Gedankenwelten) und damit die Idee, ein getrenntes Wesen vom Rest der Welt zu sein. Wie sonst könnte Wahrnehmung geschehen?

Happy hour … (29. April 2013)

Man könnte glauben, dass, wenn man Selbst-Erkenntnis erlangt hat und den "Reifeweg" zur Selbst-Verwirklichung beschreitet, alles klar ist. Doch das ist es nicht unbedingt.

Zwar gibt es grundsätzlich keine Zweifel mehr, man hat entdeckt wer man ist (besser: wer man nicht ist und nie war), dennoch ist man nicht zwangsläufig in der Lage, das tägliche Leben im Sinne der höchsten Realität immer zu meistern. Und das ist verständlich. Man wurde ja nicht zur höchsten Realität geführt, und nun wäre man sie endlich – man war sie schon immer. D. h., den Mist, den man früher veranstaltet hatte, war gewissermaßen auch schon von diesem einen wahren "Ich" verursacht.

Die jahrelange Reifezeit von der Selbst-Erkenntnis zur Selbst-Verwirklichung führt von gewohnten Missgeschicken – die jetzt sicherlich anders beurteilt oder gesehen werden – über "Wunder", die man erlebt, bis hin zu einem völlig neuen Leben. Nennen wir es mal: Einen Flug als Quax, der Bruchpilot, hin in Richtung totaler Freiheit mit immer eleganteren Kapriolen.

"Wer schwimmen lernen will, muss ein paar Tage üben.
Niemand wird am ersten Tag riskieren, im Meer zu schwimmen.
Ebenso ist es, wenn du im Meer Brahmans schwimmen willst.
Da musst du vorher auch viele erfolglose Versuche machen,
bis du schließlich richtig schwimmen kannst."

[Sri Ramakrishna - aus "Worte des Ramakrishna"]

Sri Siddharameshwar Maharaj weist uns darauf hin, dass der beste Beweis für die Selbst-Erkenntnis der ist, alle anderen glücklich zu machen. Wer wirklich durchschaut und erkannt hat (weit über den denkenden Verstand hinaus), dass alles er ist (Paramatman, bzw. innerhalb der erschienenen Welt: Brahman, Gott) und er in allem immer nur sich selbst sieht, der macht damit auch nur "sich selbst" glücklich. Das klingt in Worten einfach, doch in der Praxis wird man bald erkennen, welch gewaltige Einsicht da heranreifen muss, damit das zur einzigen Wirklichkeit werden kann.

Spieltriebe … (18. Mai 2013)

Wenn du eine Tagfantasie erzeugst und vollständig "wie von außen" siehst, also ein unbeteiligter Zuschauer ohne Interesse bleibst – obwohl du ihn erschaffen hast –, so kannst du mit ihm machen, was du willst. Du bist quasi der "höchste Gott" deines Tagtraums. Du erschaffst ihn und du zerstörst ihn. Und wenn du lustig bist, erschaffst du gleich nochmal einen neuen Tagtraum. Wer könnte dich daran hindern? Nachts tust du auch nichts anderes, du erzeugst einen Traum nach dem anderen, auch wenn du dir dessen nicht bewusst bist. Der Wachzustand ist ebenfalls nichts anderes. Die gesamte, dir erschienene Welt – samt aller Körper, Gedanken, Gefühle und Bewusstsein an sich –, ist nichts anderes als deine Projektion. Sie ist nur ein weiterer deiner "Tagträume". Im Moment träumst du lediglich einen langen Traum. Und du träumst auch dich (als vermeintliche Person) selbst. Das Entscheidende ist, dass du außerhalb des erschaffenen Traums bleibst und nicht mehr auf die Idee kommst, eine Figur darin zu sein. D. h., du bist und (ver-)bleibst als die leerste Leere selbst. Du darfst dich als Schöpfer also nicht vergessen. So schwer es ist, die Illusion der Welt zu überwinden, ist das dennoch im Prinzip schon alles: Erkenne und vergiss nicht mehr, wer oder was du bist.

Gut geschlafen (08./30. Juni 2013)

Der Akt der Befreiung/Erlösung lässt sich nicht in Worte kleiden oder erklärbar darstellen. Dennoch ist eine Hindeutung möglich, die zum rechten Augenblick durchaus ihre Früchte tragen kann.

Symbolisch gesehen hat das höchste Selbst (Paramatman) – du also – sich schlafen gelegt und sich damit vergessen. Es scheint nicht anwesend zu sein. Ein Traum erscheint (das Bewusstsein) und in diesem Traum ein weiterer Traum (das weltliche Leben als Person). Es ist vergleichbar mit einem nächtlichen Traum und dem Tiefschlaf. Sobald du eingeschlafen bist, hast du dich – als die Person, die du tagsüber zu sein scheinst – vergessen, bist also als solche nicht mehr anwesend. Man könnte – nur mal als Vergleich so dargestellt – sagen, dass du im Tiefschlaf einen "leeren" Traum träumst. Der Träumer dieses "leeren" Traums bist du, aber nicht als diese "Wachperson". Beginnt in diesem nun ein nächtlicher Traum (ein Traum mit "Inhalt" also), so erscheinst du als Traum-"Person" (oder Traumfigur). Als "Wachperson" bist du auch hier nicht anwesend.

Ebenso scheint das Selbst (Paramatman) weder im Bewusstsein (der primäre Traum), noch in dem zweiten Traum (im weltlichen Leben) anwesend zu sein (es ist dennoch da, aber nicht in seiner freien – oder wachen – "Reinform"). Erst wenn beide Träume verschwunden sind – also vergessen wurden –, erwacht das Selbst wieder zu sich selbst.

Das, was sich seiner Anwesenheit (aber nicht als sich selbst) bewusst (oder: gewahr) ist, ist quasi das "schlafende" Selbst (Paramatman). Doch es sieht und versteht sich nur als Traumfigur, oder als das Traumbewusstsein. Es hat also seine wahre Natur – sein wahres Sein – schlichtweg vergessen! Um endgültig oder tatsächlich zu "erwachen" und sich damit aus allen Träumen zu befreien, muss das, was sich als anwesend begreift, das Ich bin, in Ich bin nicht verwandeln (du erinnerst dich: Ich bin ist die Moolamaya, die "ursprüngliche Illusion".) Ich bin bedeutet hier: "Auch wenn ich nicht weiß, was ich bin, bin ich dennoch (anwesend)." – (Als Brahman kann man nicht mehr sagen, was man ist). Das impliziert, dass sich Paramatman immer noch als Bewusstsein (Ich bin) sieht und im Grunde noch vor sich hin schnarcht – also immer noch "träumt". Sich selbst zu sagen (denken oder besser: durchdringen) und sich dessen dabei sicher zu sein, Ich bin nicht (die Negierung des Ich bin also), stoppt dann jegliches (falsche oder illusionäre) Hiersein in beiden Träumen. Paramatman als "schnarchender", unwissender Träumer verschwindet damit aus beiden Träumen und "erwacht" zu seinem wahren, absoluten Sein – so wie du am Ende eines nächtlichen Traums als Traumfigur einfach verschwindest (nicht länger existierst), aber dann als scheinbare Person wieder in den Tag hinein gähnst.

Zero ist nicht sehr lange (20. Juli 2013)

Erinnere dich, was du vor zirka einem Jahr gemacht hast. Wenn ich dich nun frage, wann du denn diese Erinnerung hast, so kannst du nur antworten: Jetzt! Die Erinnerung ist nichts anderes als nur noch ein Gedanke im Jetzt. Gedanken aber sind völlig substanzlos. Und wenn du dir nun vorstellst, was du vielleicht in einem Jahr machen wirst, so ist das auch nur ein substanzloser Gedanke im Jetzt. Und nun erinnere dich, was du gestern gemacht hast. Wieder hast du nur einen Gedanken, der jetzt aufkommt. Ebenso, wenn du daran denkst, was du vielleicht morgen machen wirst.

Wir können nun die Zeit weiter verkürzen und kommen zwangsläufig zu dem logischen Schluss, dass selbst die Erinnerung an eine tausendmillionste Sekunde vorher oder die Vorstellung einer tausendmillionsten Sekunde in die Zukunft hinein immer noch substanzlose Gedanken im Jetzt wären usw. Selbst ein Bruchteil dieser Zeiteinheit – egal wie kurz – wäre immer noch außerhalb des Jetzt und daher nicht wirklich existent.

Und so stellt sich die Frage, wie lange denn Jetzt ist? Es bleibt nichts anderes, als zu schlussfolgern: Jetzt gibt es gar nicht. Jetzt ist 0 (Zero, Null). Alles ist nur Erinnerung oder Zukunftsvorstellung, substanzlos und unwirklich bis ins Mark. Was bleibt ist nur Illusion, ein Trugbild, dessen scheinbare Existenz ebenfalls nicht erklärt werden kann.

Was immer wahrgenommen werden kann, ist nichts anderes als unwirklich. Konzepte, Vorstellungen also, die keine eigene Substanz haben. Und das, was wahrnimmt, ist ebenfalls ein Konzept. Zeit und Raum sind ebenfalls Konzepte.

Vergleich das mal mit dem Tiefschlaf. Sobald du eingeschlafen bist, ist alles verschwunden – die Welt, die Gedanken, das Ich, selbst Raum und Zeit existieren nicht mehr. Schlaf' ein und wache nie wieder auf – wo bliebe die Welt und alles, was dir wichtig ist oder für dich als wahr erscheint? Was immer da ist – auch im Tiefschlaf –, ist die höchste Realität, du also. Du gibst dem, was erscheint, lediglich das "Licht". Ansonsten hast du mit all dem nichts zu tun.

Alles, was erscheint, sind nur substanzlose Gedanken – Konzepte, Vorstellungen. Sie kommen allesamt aus der Erinnerung und kreieren jeden Moment ein unwirkliches Weltbild – auch wenn es normalerweise als echt angesehen wird. Es ist wie im Traum. Solange du ihn träumst, scheint alles echt, ist er vorbei, ist er auch schon vergessen. Hierbei sehen wir sofort, dass Erinnerungen verdammt schnell verblassen.

Warum erinnern wir uns dann an so viele Geschehnisse in diesem Leben so nachhaltig? Die Antwort ist einfach und wird sofort schlüssig, wenn wir ein wenig darüber reflektieren: Weil wir sie für echt halten und an ihnen interessiert sind. Bei einem nächtlichen Traum ist, ohne überhaupt daran denken zu müssen, sofort beim Ende des Traums oder nach dem Aufwachen die klare und unmittelbare Erkenntnis da, dass die eben gesehene Welt unwirklich wahr – ein Traum eben. Und schon ist er vergessen. Doch hier in diesem Lebens­traum fehlt normalerweise diese unmittelbare Erkenntnis. Der Verstand – selbst Teil des Traums – hält sich für echt und so sieht er seine Kreation ebenfalls als wirklich an.